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Warum »Bildung für alle« längst Wirklichkeit ist, aber in Deutschland doch nicht funktioniert

Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine. Die Vorrechte, die früher der Besitz einer Druckerpresse vermittelte, entschwinden in Blogs, Foren und Homepages. Hier kann jeder schreiben, was er will. Wissenschaftliche Fachpublikationen stehen neben den Seiten obskurer Verschwörungstheoretiker, beide gleichermaßen kostenlos, was dem Leser die Verantwortung anträgt, aus dem Inhalt über Qualität und Relevanz selbst zu entscheiden. Das Informationsmonopol der Wissenschaftler und Politiker wird gebrochen, Informationsgeheimhaltung wird im Zeitalter der Tauschbörsen immer schwerer. Mit dieser neuen Zeit haben die Deutschen ihre recht typischen Schwierigkeiten. Das gilt auch für das Bildungsgewerbe, dessen Schwächen im Internet besonders deutlich hervortreten.

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So sind viele Professoren noch immer ein elitärer und vor allem erzkonservativer Verein. Sie bloggen nicht, sie haben keine Webseiten, manchmal noch nichtmal einen Computer. Wenn sie publizieren, dann nur bei Verlagen, wo ihre Werke dann auch nur für viel Geld zu erwerben sind. Das Internet mögen sie nicht, denn dessen Regeln verstehen sie nicht. Kurzum, sie haben die Zeit der sozialen Netzwerke verschlafen.

Ähnlich ist es bei ihren Schülern: die verbringen oft Jahrzehnte damit, einen wohlklingenden Titel zu erwerben, und glauben, dann auch etwas zu sein. Dabei übersehen sie, daß sie erstmal nur etwas haben, nämlich ein Dokument. Der Weg dazu, auch etwas zu sein, ist länger als der, etwas zu haben. Der Unterschied zwischen Haben und Sein ist aber noch nicht bis in das öffentliche Bewußtsein durchgesickert, was den diversen Titelmühlen ein nachhaltiges Geschäftsmodell verschafft.

Denn noch immer stehen viele im rechten Winkel, wenn einer nur "Doktor" mit Vornamen heißt. Hierbei werden die Deutschen nur noch von den Österreichern übertroffen. Ein schöner Titel ist aber kein Garant für Qualität, sondern nur dafür, daß der Personaler formal richtig handelt und bei späteren Fehlleistungen des Bewerbers nicht selbst belangt wird. Die hierzulande titelgeile Mentalität verdeckt aber den Blick auf das Wesentliche. Kleider machen Leute, aber nur, wenn man nicht in der Lage ist, die Leute selbst wirklich zu erkennen. Das aber erlernt man nicht in Propädeutika und Prüfungen, sondern nur im Leben. Doch davor hat Angst, wer sich hinter einem Papier verstecken muß.

Die Mentalität der Titelträger stammt nämlich aus einer Zeit, als das Wissen noch das gehütete Vorrecht einer kleinen Elite war. Wer nicht auf der richtigen Hochschule war, wer nicht den richtigen Titel hat, der konnte auch nichts wert sein. Heute aber ergoogle ich mir in Sekunden mehr, als ich noch vor einem Vierteljahrhundert in meiner eigenen Studentenzeit in stundenlanger mühevoller Suche in Bibliothekskatalogen und Präsenzbeständen aufspüren und nach wochenlangem Warten auf die Fernleihe endlich einsehen konnte. Das Wissen ist demokratischer geworden, es ist weder durch urheberrechtliche Beschränkungen noch durch elitäre politische Strukturen in einem kleinen Kreis festzuhalten. Der alte sozialistische Traum von Bildung für alle ist längst Wirklichkeit geworden, jedenfalls für alle, die einen Internet-Anschluß haben.

Das genau ist die Demokratisierung, die die totale Vernetzung mit sich bringt. Virtualität, Parallelität und Gleichberechtigung vieler Einzelner, die jeder für sich klein aber kollektiv mächtig sind, das sind die Paradigmen unserer Zeit, und nicht die Ausrichtung des Ganzen auf wenige Träger großer Namen. Der Zugang zur Bibliothek kann heute nicht mehr beschränkt werden. Das Netz hat, um es kurz zu fassen, einen Kulturwandel längst herbeigeführt, der gleichwohl erst seinen Weg ins kollektive Bewußtsein finden muß. Dem steht gerade in Deutschland aber die noch immer fortwährende nationale Versehrtheit im Wege, die Dinge, die anderswo von selbst passieren, in die Ewigkeit hinein verschiebt.

Im Informationszeitalter werden die Menschen auf das reduziert, was sie wirklich sind. Das Netz bringt die Wirklichkeit an den Tag, das ist die Lehre, die das Bildungsgewerbe aus der digitalen Zeitenwende ziehen sollte. Nicht mehr der von einem Dokument vermittelte Schein zählt, sondern das dahintersteckende tatsächliche Sein. Nirgendwo kann man Potential und Substanz eines Menschen besser erkennen als im Netz. Sogar die Personaler wissen das, und können inzwischen mit den Suchmaschinen umgehen. Die Professoren müssen es vielfach noch lernen, leider. Höchste Zeit wird es aber allemal, wollen wir nicht vollends zu einem Entwicklungsland verkommen.

Links zum Thema: Die Sendung ohne Maus, oder wie wir den Anschluß mutwillig verpassen | Gibt es Titelmühlen im Bereich nichtakademischer Fortbildungen? | Die brüllende Heizung, oder von der Geringschätzung der Bildung | Über Chancengleichheit und Gleichmacherei in der Schule, oder scheinbare Selbstverständlichkeiten | Gleichheit in der Bildung: Plädoyer für Schuluniformen (interne Links)


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