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Leserzuschrift vom 02.05.2006

zu unseren Ratgebern für Dozenten (Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Absender: auf eigenen Wunsch anonymisiert

Kaum ein Artikel ist jemals so eingeschlagen wie unsere Ratgeber für Dozenten, die an dieser Stelle derzeit in loser Folge erscheinen. Stellvertretend für viele veröffentlichen wir hier eine eMail eines erfahrenen Dozenten, die uns am 2. Mai erreicht hat. In großer Klarheit werden hier die Probleme des Lehr- und Bildungsgewerbes zusammengefaßt. Viele Berufskollegen werden wohl aus eigener Erfahrung kennen, was hier berichtet wird:

Hallo Herr Zingel,

als Käufer Ihrer BWL-CD erhalte ich regelmäßig Ihren Newsletter, den ich mal mehr, mal weniger intensiv lese. Was Ihren Dozentenratgeber betrifft, haben Sie mir voll aus der Seele gesprochen. Ich selber bin seit einigen Jahren freiberuflicher BWL-Dozent in Berlin und kann aus eigenem Erleben viele Ihrer Beobachtungen und Erfahrungen nur bestätigen. Einige Beispiele aus den zurückliegenden Monaten:

  1. Um mit dem leidigen Thema Geld mal zu beginnen: Die Dozentenhonorare sind von durchschnittlich 25 auf 20 Euro (teilweise noch tiefer) je Unterrichtseinheit gefallen. Das führt nun dazu, dass man als Dozent mehr Aufträge annehmen muss (sofern überhaupt angeboten), um an sein Geld zu kommen und dadurch weniger oder keine Zeit mehr für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zur Verfügung hat. Das bedeutet, man macht seinen Unterricht nur noch aus der Konserve, was natürlich zu Qualitätseinbußen führt.
  2. Zahlungsziele von bis zu drei Monaten seitens der Bildungsträger sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Bei Anfragen wird auf die nicht zahlende Arbeitsagentur, auf säumige Teilnehmer und auf die allgemein schlechte Situation und überhaupt verwiesen.
  3. Der unter 1. erwähnte Qualitätsverlust im Unterricht spielt bei den meisten Umschülern sowieso keine Rolle. Meine Erfahrung ist, dass diese nur mit dem allernötigsten auf die IHK-Prüfung getrimmt werden wollen - Hauptsache durch mit einer 4 - alles andere ist egal. Zuviel Wissen verwirrt nur (sagen mir die Teilnehmer und sogar einige Kursbetreuer beim jeweiligen Bildungsträger).
  4. Fach Rechnungswesen: ein äußerst "beliebtes" Fach. Statt Buchführung und KLR fange ich mittlerweile wieder beim Dreisatz und der Prozentrechnung an. Was lernt man heute eigentlich noch in der Schule? Von der Berufsschule will ich lieber gar nicht erst reden...
  5. Fach EDV/Excel: ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Leichtigkeit sich die Teilnehmer im Internet in Chatrooms, bei den neuesten Schuhen bei eBay und auf Witz- oder Spieleseiten zurechtfinden. Aber das Summen- oder Prozentzeichen in Excel wird regelmäßig nicht gefunden.
  6. Ach und dann die Aufgaben: bei der kleinsten Überforderung mit einer etwas komplexeren Aufgabe wird sofort abgeschaltet und resigniert. Teilnehmer: "das haben wir noch nie gemacht". Tja, es gibt für alles ein erstes Mal. Jetzt es ist sogar schon vorgekommen, dass sich ein Teilnehmer bei der Kursleiterin beschwert hat, weil er von einer Aufgabe überfordert war. Dass er nur unregelmäßig zum Unterricht kommt und dann auch noch zu spät, hat er ihr aber nicht gesagt. Wie immer ist der Dozent, also ich, an allem Schuld: der Unterrichtsstil, nicht richtig erklärt und, und, und...
  7. Pünktlichkeit: bei 8 Uhr Unterrichtsbeginn sind von 15 Teilnehmer gerade mal drei bis vier anwesend, der große Rest trudelt bis 8:30 Uhr ein und geht dann erstmal einen Kaffee holen.
  8. Disziplin und Sozialverhalten: unbekannt. Im Unterricht werden vielfach SMS verschickt, Kochrezepte ausgetauscht, Kreuzworträtsel gelöst, die neuesten Romane gelesen usw. Spricht man die Teilnehmer darauf an, erhält man patzige Antworten und die Teilnehmer buchstabieren demonstrativ den Namen des Dozenten. Nach dem Motto, Anschiss beim Bildungsträger oder Arbeitslosenverwaltungsamt ist in Aussicht. Eine Teilnehmerin sagte mir vor kurzem sogar: "Halten Sie den Mund, ich will die Aufgabe in Ruhe rechnen" (als ich ihr noch einige Erläuterungen geben wollte). Da fehlen einem die Worte.
  9. Wird ein Unterrichtsthema mit einigermaßen Tiefgang ausführlich behandelt, schalten viele Teilnehmer ab. Der Unterricht sei viel zu langatmig und so ausführlich braucht das doch sowieso niemand. Überschriften und Stichpunkte reichen doch aus - es lebe der Dünnbrettbohrer!
  10. Und dann noch Tests, Klausuren und Prüfungen. Nur nicht zu schwer, nicht zu viel und am besten die Aufgaben und Fragen schon im Voraus mitteilen. Zu Hause lernen und vorbereiten? Dafür haben wir keine Zeit, wir haben schließlich Kinder, einen Haushalt, einen Garten, einen Partner, Hund, Katze und was sonst noch alles als Ausrede herhalten muss.

Insgesamt muss ich feststellen, dass viele Bildungsmaßnahmen, die (noch) vom Arbeitsamt oder einem anderen "Sozialverein" finanziert werden, rausgeworfenes Geld sind. Qualifizierte Weiterbildung oder Umschulung findet kaum noch statt. Vielfach wird bei den Teilnehmern nur noch der "Bodensatz" hin- und hergesiebt, bei vielen sehe ich keinerlei Chancen auf einen Arbeitsplatz. Sei es aufgrund ihrer mangelnden Bereitschaft oder Fähigkeit, sich mit neuem oder schwierigem auseinandersetzen, aufgrund des mitunter rustikalen Sozialverhaltens oder aufgrund der limitierten intellektuellen Voraussetzungen.

Andererseits darf ich mich auch nicht beklagen, ich kann von der Dozententätigkeit leben und hin und wieder gibt es auch einige erfreuliche Momente. Wenn man von einer Klasse einen Blumenstrauß zum Abschied geschenkt bekommt oder wenn ein ehemaliger Schüler nach bestandener mündlicher IHK-Prüfung sagt, dass man den besten Unterricht von allen Dozenten gemacht hat. Das baut immer wieder auf. Es ist zwar selten, aber immerhin. In den 15 Jahren meines angestellten Berufslebens sah es genauso aus: Fast nie Lob, meistens Vorwürfe und dergleichen. Schöne neue Arbeitswelt. Deswegen halte ich mich aus dem verlogenen Thema Personalwirtschaft auch völlig raus: Anspruch (Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital und ähnliche Phrasen) und Realität (Mitarbeiter sind austauschbare Kosten- und Produktionsfaktoren) klaffen diametral auseinander.

So, genug der Worte.

Vielleicht wollen Sie den Text oder Teile davon in einem Ihrer nächsten Newsletter verarbeiten. Nur zu, ich bin überzeugt, dass es vielen Kollegen ähnlich geht (von einigen weiß ich es auch). Ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die auf jeden Zweizeiler ein Copyright beanspruchen. Nur meinen Namen möchte ich nicht lesen, ich bin auf Aufträge angewiesen und muss bis zur virtuellen Rente noch 20 Jahre knuffen.

Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers des BWL-Boten wieder und werden nur mit Absender- bzw. Verfasserangabe veröffentlicht. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung oder ungekürzte Veröffentlichung einer Leserzuschrift.

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